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Levitation (2007) texts


LEVITATION

Ich erinnere mich an ein Erlebnis, das sich mir unauslöschlich eingeprägt hat: bei einer chinesischen Opernaufführung sah ich einen Artisten, der eine Hühnerfeder auf seiner Nasenspitze balancierte und sie dann mit sehr leichten, kaum spürbaren Atemstößen in die Luft hob. Er ließ sie tanzen, sich scheinbar schwerelos drehen, heben und sinken, bis sie am Ende wieder auf seine Nasenspitze zur Ruhe kam.

Dieses Bild – Gegenstände, aller irdischen Schwerkraft enthoben in der Luft tanzend, wie auf den Gemälden von Marc Chagall – war in meinem Kopf, als ich an Levitation arbeitete.

Nichts erreicht, um im Bild zu bleiben, in dieser Komposition den Boden; vielleicht nur einmal im 2. Satz, wenn eine Akkordeonmelodie aus der Höhe langsam in die tiefen Lagen absinkt.

So wie sich bei einer chemischen Reaktion Elemente neu verbinden, so entstehen in Levitation Klangbilder durch die Farbmischungen der beiden Klarinetten, des Akkordeons und des Streichorchesters: es beginnt mit einer Straßenszene bei einem Orkan mit fliegenden Telefonzellen und Verkehrsschildern; dann ein bei mir häufig wiederkehrender Traumzustand, in dem ich meine Beine hebe und etwa einen Meter über dem Boden schwebe, nicht fliege, sondern in vertikaler Körperhaltung über die Landschaft hingleite; dann in den Lagunen über dem Wasser  schwebende Gondeln und schließlich der sich langsam hebende Körper einer Marionette, die „Auferstehung“ der Märchenfigur Petruschka…

Das ist die Chemie der Musik.

 

Peter Eötvös, 23 Okt 2007